
Einmal im Jahr wird der Konsum zum globalen Ereignis: Black Friday. Rabatte, Sonderaktionen und Kaufanreize sollen Menschen weltweit dazu bewegen, möglichst viel und möglichst schnell zu konsumieren. Für viele ist es ein willkommenes Schnäppchen-Fest. Für mich ist es vor allem ein Indikator für den Zustand unserer heutigen Wirtschaft.
Wir leben in einem System, das sich selbst ständig antreiben muss. Ohne besondere Aktionstage, ohne künstliche Nachfrage, ohne permanente Anreize gerät es ins Stocken. Das wirft eine grundlegende Frage auf: Warum braucht eine funktionierende Wirtschaft überhaupt solche Mechanismen?
Eine Wirtschaft jenseits realer Bedürfnisse
Das zentrale Problem unserer Zeit ist, dass die moderne Wirtschaft weder für den einfachen Bürger noch für Fachleute wirklich transparent ist. Wir haben einen Punkt erreicht, an dem ein Großteil der produzierten Waren keine echten Lebensbedürfnisse mehr erfüllt. Schätzungsweise 90 Prozent dessen, was hergestellt wird, ist für ein ausgewogenes Leben nicht notwendig.
Trotzdem kann die Produktion nicht einfach reduziert werden. Würden wir das tun, hätten Fabriken, Unternehmen und ganze Branchen keinen Zweck mehr. Arbeitsplätze gingen verloren, Gewinne fielen weg, und das System würde ins Wanken geraten. Deshalb halten wir an einer Überproduktion fest, die wir anschließend mit Rabatten, Werbung und Konsumereignissen wie dem Black Friday rechtfertigen müssen.
Gewinn als Motor – und als Grenze
Sowohl Produzenten als auch Eigentümer von Unternehmen sind vollständig vom Gewinnmotiv abhängig. Nimmt man diesen Anreiz weg, kommt das bestehende Wirtschaftsmodell zum Stillstand. In diesem Sinne „dreht sich die Welt“ nur, solange der Profit gesichert scheint.
Um dieses System zu stabilisieren, greifen Staaten inzwischen zu Maßnahmen, die vor wenigen Jahren noch undenkbar waren: massive Geldschöpfung, Kaufanreize, direkte Zahlungen an Bürger. Geld ist längst nicht mehr durch reale Werte gedeckt. Es ist ein Instrument geworden, um Bewegung im System zu halten.
Einkommen und Konsum entkoppeln
Aus meiner Sicht bewegen wir uns unausweichlich auf einen Zustand zu, in dem Einkommen und Konsum voneinander getrennt werden. Der Zusammenhang zwischen dem, was ein Mensch verdient, und dem, was er zum Leben braucht, verliert zunehmend an Bedeutung.
In Zukunft wird jeder so viel erhalten, wie er für ein normales, ausgewogenes und würdiges Leben benötigt. Gleichzeitig wird jeder nur in dem Maß arbeiten, das für die Gesellschaft tatsächlich notwendig ist. Nicht mehr aus Zwang, sondern aus funktionaler Notwendigkeit.
Das bedeutet nicht Gleichmacherei und auch keine Rückkehr zu früheren sozialistischen Modellen. Diese Systeme sind gescheitert, weil sie Produktivität und persönlichen Verdienst zwanghaft miteinander verknüpft haben – in einer Zeit des Mangels.
Leben im Überfluss – mit neuen Regeln
Heute leben wir nicht mehr im Mangel, sondern im Überfluss. Die Herausforderung besteht nicht darin, mehr zu produzieren, sondern den Überfluss sinnvoll zu organisieren. Fabriken müssten keine überschüssige Ware mehr herstellen. Extreme Konsumanreize würden überflüssig. Der Lebensstandard würde auf einem für alle akzeptierten, optimalen Niveau stabilisiert.
Es gibt keinen objektiven Grund, mehr zu arbeiten als nötig. Die Wirtschaft könnte sich beruhigen, anstatt ständig künstlich beschleunigt zu werden.
Ohne Bildung kein stabiles System
Doch eines ist entscheidend: Ein korrigiertes gesellschaftliches System kann nur mit entsprechend vorbereiteten Menschen funktionieren. Technische Lösungen, finanzielle Umverteilung oder staatliche Maßnahmen allein reichen nicht aus.
Was wir brauchen, ist eine neue Form gesellschaftlicher Bildung – eine integrale Bildung, die den Menschen hilft, sich als Teil eines vernetzten Ganzen zu verstehen. Erst wenn sich die Beziehungen zwischen den Menschen verändern, kann sich auch das wirtschaftliche System nachhaltig stabilisieren.
Black Friday als Warnsignal
Der Black Friday zeigt uns nicht, wie erfolgreich unsere Wirtschaft ist, sondern wie sehr sie auf äußere Stimulation angewiesen ist. Er ist kein Zeichen von Stärke, sondern ein Hinweis darauf, dass das bestehende Modell an seine strukturellen Grenzen stößt.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie hoch der nächste Rabatt ausfällt, sondern welches Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell langfristig tragfähig ist – für den Menschen und für die Gesellschaft als Ganzes.
Basierend auf einem Interview mit dem Kabbalisten Dr. Michael Laitman auf 103FM am 1. Januar 2016. Geschrieben/editiert von Studenten des Kabbalisten Dr. Michael Laitman.
