
Psychiatrie bedeutet im Hebräischen „Medizin der Seele“ („Refuat HaNefesh“). Doch was heißt das eigentlich: eine gesunde Seele? Und könnte es sein, dass nicht nur einzelne Menschen, sondern unsere gesamte Gesellschaft seelisch aus dem Gleichgewicht geraten ist? Wenn wir im Alltag von der Seele sprechen, meinen wir meist unsere innere Welt – Gedanken, Gefühle, Wahrnehmung.
Eine gesunde Seele erlaubt es uns, uns selbst und die Realität relativ klar zu sehen. Eine kranke Seele hingegen ist durch Verzerrungen geprägt: Die Welt fühlt sich falsch, bedrohend oder zersplittert an.
Starke Ängste, Sorgen oder depressive Phasen gehören noch zum menschlichen Erleben. Von einer psychischen Erkrankung sprechen wir erst dann, wenn das innere „System“ nicht mehr richtig funktioniert – wenn die Wahrnehmung von Zeit, Raum, Identität oder Beziehung brüchig wird. Manche Menschen hören Stimmen, erleben innere Spaltungen oder haben das Gefühl, die Realität entgleite ihnen.
Psychische Erkrankungen begleiten die Menschheit seit jeher. Viele haben eine genetische Grundlage, andere entwickeln sich schleichend. Neben jenen, die diagnostiziert und behandelt werden, gibt es viele, die mit inneren Problemen leben, ohne offiziell als krank zu gelten – oft gut angepasst, aber innerlich unter Druck.
Therapien und Medikamente können stabilisieren und schützen, doch sie beseitigen die innere Unsicherheit nicht vollständig. Hinzu kommt der Dauerstress unserer Zeit: Medien, soziale Netzwerke und permanente Vergleiche setzen unsere Psyche unter ständige Spannung.
Die Kabbala betrachtet diese Zustände im Rahmen eines umfassenderen Entwicklungsprogramms der Natur. Sie spricht von Reshimot – inneren Aufzeichnungen, die unsere Entwicklung steuern. Diese wirken wie ein geistiges Gedächtnis, das Schritt für Schritt bestimmte Zustände in uns hervorruft und uns wachsen lässt.
Dabei leben wir alle in einem einzigen, vernetzten System der Natur. Körper, Psyche, Gesellschaft und Umwelt sind untrennbar miteinander verbunden. Dennoch erleben wir uns getrennt – voneinander und vom Ganzen. Während die Welt objektiv immer stärker vernetzt ist, wächst zugleich das menschliche Ego und trennt uns innerlich voneinander.
Diese innere Trennung zeigt sich überall: in zerbrechenden Beziehungen, in sozialer Kälte, in Angst, Sucht und Orientierungslosigkeit. In diesem Sinne leidet nicht nur der Einzelne – die Gesellschaft selbst befindet sich in einem seelisch gestörten Zustand.
Der Kern des Problems liegt im Widerspruch zwischen der Natur und unserem Verhalten. Die Natur funktioniert durch gegenseitige Abhängigkeit, während wir lernen, vor allem uns selbst zu dienen. Solange dieses Ungleichgewicht besteht, bleibt auch die Seele unruhig.
Die Weisheit der Kabbala bietet hier eine Methode der Verbindung. Sie lehrt, wie Menschen bewusst neue Formen des Miteinanders entwickeln können – über dem Ego, nicht gegen es. Dieser innere Weg wird in fünf Stufen beschrieben: Nefesch, Ruach, Neschama, Haya und Jechida.
Wenn wir beginnen, uns richtig zu verbinden, verändert sich unsere Wahrnehmung. Die Welt erscheint nicht länger zerrissen, sondern als ein zusammenhängendes Ganzes. In dieser Erfahrung liegt die wahre Gesundheit der Seele – nicht als individuelles Wohlbefinden, sondern als Gefühl, Teil einer gemeinsamen, lebendigen Seele zu sein.
Basierend auf „New Life 93 – Mental Health“ mit dem Kabbalisten Dr. Michael Laitman. Geschrieben/bearbeitet von Studenten des Kabbalisten Dr. Michael Laitman.
